
Gauß und Humboldt, zwei große deutsche Denker. Nicht lange ist es her, dass ich vor der Humboldt-Statue direkt vor der Humboldt-Universität in Berlin stand. Der strenge Blick dieses Herrn, sitzend mit geöffnetem Buch, habe ich noch genau Kopf. Ob er nun angestrengt nachdenkt oder auch auf uns, die Lernenden, herabschaut, kann ich nicht sagen. Wahrscheinlich wird es vielen so gehen, wenn sie an die großen Denker und Wegbereiter der Weimarer Klassik denken, war doch das preußische Ideal die damalige Lebensmaxime.
Doch dann bekam ich das Buch Die Vermessung der Welt
von Daniel Kehlmann in die Hände. Dieses außerordentlich interessant geschriebene Buch rückt in zwei Erzählsträngen, welche sich später kreuzen, die Herrn Gauß und Humboldt in den Mittelpunkt. Daniel Kehlmann versucht keine historisch korrekte Biographie zu schreiben. Ganz im Gegenteil. Die Protagonisten wirken menschlich, greifbar und ganz und gar nicht so heroisch und ehrenvoll, wie wir das in unserer Fantasie gerne hätten. Das ist aber auch gut so, denn so sind beide Charaktere nun sympatischer, zumindest in meiner Erinnerung. Natürlich ist das alles Fiktion, soviel ist gewiss und Gauß und Humboldt waren vielleicht in Wirklichkeit ganz anders.
Andererseits wird man beim Lesen direkt mit zwei Lebenslinien vertraut, die nicht nur Licht sondern auch Schatten zeigten. Insbesondere die Schatten des Alterns werden recht deutlich, gerade im letzten Drittel
des Buches, als alle Werke (Gauß’ Disquisitiones) vollbracht und Reiseberichte (Humboldts Amerikansiche Forschungsreise) veröffentlicht waren. Hatten sie alles richtig gemacht? Fragen, mit denen jeder selbst früher oder später konfrontiert werden wird.
Gerade heute in der U-Bahn bin ich auf zwei doch ganz unterschiedliche alte Menschen aufmerksam geworden. Ein Herr, bestimmt über 75 Jahre, lächelte zufrieden – obwohl offensichtlich nicht bei bester Gesundheit. Ein anderer, jünger, ärgerte sich über spielende Kinder die anscheinend zu laut gewesen seien. Wenn ich mal soweit bin, möchte ich lieber der erstere sein.
Nach der ‘Vermessung der Welt’ würde ich wohl eher Humboldt sein wollen, und weniger Gauß. Ich finde Humboldt jetzt sympatischer als vorher – Gauß dagegen weniger. Und Schuld an allem ist Daniel Kehlmann.

