Archiv der Kategorie 'Soziologie'

14
Aug
08

Lebenslinien und Schnittpunkte


Gauß und Humboldt, zwei große deutsche Denker. Nicht lange ist es her, dass ich vor der Humboldt-Statue direkt vor der Humboldt-Universität in Berlin stand. Der strenge Blick dieses Herrn, sitzend mit geöffnetem Buch, habe ich noch genau Kopf. Ob er nun angestrengt nachdenkt oder auch auf uns, die Lernenden, herabschaut, kann ich nicht sagen. Wahrscheinlich wird es vielen so gehen, wenn sie an die großen Denker und Wegbereiter der Weimarer Klassik denken, war doch das preußische Ideal die damalige Lebensmaxime.

Doch dann bekam ich das Buch Die Vermessung der Welt
von Daniel Kehlmann in die Hände. Dieses außerordentlich interessant geschriebene Buch rückt in zwei Erzählsträngen, welche sich später kreuzen, die Herrn Gauß und Humboldt in den Mittelpunkt. Daniel Kehlmann versucht keine historisch korrekte Biographie zu schreiben. Ganz im Gegenteil. Die Protagonisten wirken menschlich, greifbar und ganz und gar nicht so heroisch und ehrenvoll, wie wir das in unserer Fantasie gerne hätten. Das ist aber auch gut so, denn so sind beide Charaktere nun sympatischer, zumindest in meiner Erinnerung. Natürlich ist das alles Fiktion, soviel ist gewiss und Gauß und Humboldt waren vielleicht in Wirklichkeit ganz anders.

Andererseits wird man beim Lesen direkt mit zwei Lebenslinien vertraut, die nicht nur Licht sondern auch Schatten zeigten. Insbesondere die Schatten des Alterns werden recht deutlich, gerade im letzten Drittel des Buches, als alle Werke (Gauß’ Disquisitiones) vollbracht und Reiseberichte (Humboldts Amerikansiche Forschungsreise) veröffentlicht waren. Hatten sie alles richtig gemacht? Fragen, mit denen  jeder selbst  früher oder später konfrontiert werden wird.

Gerade heute in der U-Bahn bin ich auf zwei doch ganz unterschiedliche alte Menschen aufmerksam geworden. Ein Herr, bestimmt über 75 Jahre, lächelte zufrieden – obwohl offensichtlich nicht bei bester Gesundheit. Ein anderer, jünger, ärgerte sich über spielende Kinder die anscheinend zu laut gewesen seien. Wenn ich mal soweit bin, möchte ich lieber der erstere sein.

Nach der ‘Vermessung der Welt’ würde ich wohl eher Humboldt sein wollen, und weniger Gauß. Ich finde Humboldt jetzt sympatischer als vorher – Gauß dagegen weniger. Und Schuld an allem ist Daniel Kehlmann.

12
Aug
08

nɔɪ̯n ʊn ˈdʀaɪ̯sɪç nɔɪ̯nsɪç | 39,90

Schnell, bunt, verrückt, prall und aufrüttelnd und polemisch – so würde ich die Verfilmung des gleichnamigen Romans Neununddreißigneunzig. 39.90 vom Frédéric Beigbeder beschreiben. Der Film ist amüsant und bildgewaltig und bleibt sich immer stets selbst treu.

Der Protagonist und Alter Ego von Monsieur Beigbeder, Octave, erzählt autobiografisch sein Leben, welches zunächst mit seinem Ende beginnt. Der Film porträtiert Octave als einen selbstverliebten aber doch genialen Werbefilmer und versucht unsere Art Designer als eine neue Art ‘moderner Künstler’ darzustellen. Stets mit Koks und Pillen planiert steuert Ocatve sich und uns durch sein Leben. Er erzählt von sich, von seiner großen Liebe und von der unerträglichen Werbebranche. Immer wieder auffallend ist Octaves Abneigung gegen Menschen ohne Selbstachtung.

by the way: Brille ist schief

Die Karikatur der Werbewelt aus der Sicht Octaves beginnt mit den Worten: „Alles ist käuflich: die Liebe, die Kunst, der Planet Erde, Sie, ich.“ Damit nimmt der Streifen die Kritik schon am Anfang vorweg. Interessant, wie schnell man wären des Films ins Grübeln kommt, wie sehr man doch von der Werbewelt beeinflusst wird. Vielen Dinge des heutigen täglichen Lebens während gar nicht unbedingt nötig, wenn uns die Werbewelt nicht die Wünsche ins Hirn pflanzen würde – denn viel benötigt der Mensch nicht, um glücklich zu sein. Gnadenlos ‘entlarvt’ Octave im späteren Teil des Filmes einen französischen Milchgiganten – wohl eine Persiflage auf Danoné – als ‘gewinngeilen’ Konzern, der eigentlich gar nicht will, dass sich der Käufer des Produkts besser fühlt – wie in dem Spot suggeriert – sondern nur den Absatz steigern möchte. Oha, was für eine Neuigkeit!

Einziger Kritikpunkt: der Schluss. Der Schluss endet mit dem Satz: ‘Jedes Jahr werden weltweit ca. 100 Mrd. US-$ für Werbezwecke ausgegeben. Nur 10% der Summe würde laut UN-Bericht ausreichen, um den Welthunger zu halbieren.’ Und genau das hat mir nicht so gut bekommen, da es etwas polemisch ist.

Ein großer Teil unserer Wirtschaft beruht nun mal auf der freien Marktwirtschaft, die im Endeffekt einen nie da gewesenen Wohlstand gebracht haben. Und die 10%, von denen hier gesprochen wird, müssen auch auf irgendeine Art erwirtschaftet werden (ja, auch der Kapitalismus hat seine GROSSEN Schwächen, aber vielleicht das kleinere Übel von allen Wirtschaftssystemen).

Vielleicht könnte man die 10% aber auch in eine breit gefächerte Bildungsinitiative stecken, die Menschen in Armut zeigt, dass sie selbst dich Macht haben, sich politisch zu engagieren und z. B. in ihren Ländern Privateigentum (Verfügungsrechte) durchsetzen, um ihren eigenen fruchtbaren Boden zu bewirtschaften (ohne das ein machtgeiler General ihnen alles wieder weg nimmt) – ja, auch das ist ein wenig polemisch, aber mit dem Zeigefinger auf die Werbebranche als großen Teufel zu zeigen, ist auch nicht ganz fair.

Wikipedia: Neununddreißigneunzig

MySpace: 39,90

02
Feb
08

Vanity Fair

Das Stöckchen von Tobias nehme ich gerne auf und beantworte den Fragenbogen „Vanity Fair“ von Proust:

Was ist für Sie das vollkommene Glück?
Es ist ein Glück, dass wir nie das vollkommene Glück erreichen werden, denn das treibt unsere Leidenschaft im Leben an.

Was ist ihre größte Angst?
Verlust – in jeglicher Hinsicht.

Mit welcher historischen Person identifizieren Sie sich am meisten?
David Hume – aber nur im Geiste. Äußerlich eher nicht!

Welche lebende Person bewundern Sie am meisten?
Daniel Dennett.

Welchen Ihrer Charakterzüge missbilligen Sie?

  • Geltungsbedürfnis
  • Harmoniesucht
  • übertriebener Ergzeiz
  • Selbstaufgabe

    Welchen Charakterzug missbilligen Sie an anderen?

    • Gier
    • Egozentrik
    • Unaufrichtigkeit
    • Intolleranz

    Was ist Ihr größter Luxus?
    Das Leben an sich ist für mich schon ein Luxus – jeder Atemzug, jeder Augenblick.

    Wohin reisen Sie gern?
    Dorthin, wo das Leben pulsiert und die Kultur ganz oben steht.

    Welche Tugend wird Ihrer Meinung nach überschätzt?
    Pünktlichkeit – da muss ich meinem Bruder zustimmen. Und Gehorsam ohne Rechtfertigung.

    Wann lügen Sie?
    Wenn ich jemand schützen möchte, zum Beispiel die Gefühle des Gegenüber. Und wenn man mich in die Enge treibt und sozusagen zu einer Notlüge „zwingt“.

    Was stört Sie am meisten an Ihrem Äußeren?
    Meine Nase, und der sich anbahnende Haarverlust am Hinterkopf.

    Welche natürliche Gabe möchten Sie besitzen?
    Das Musizieren.

    Welches Wort oder welche Redewendung gebrauchen Sie zu häufig?
    „Ich“

    Was bedauern Sie am meisten?
    Immer allen alles recht gemacht haben zu wollen.

    Wer ist die größte Liebe Ihres Lebens?
    Die Frauen.

    Wo und wann waren Sie am glücklichsten?
    Mit meiner ersten großen Liebe, denke ich. Und als kleiner Zwerg – als die Welt noch so unbescholten war.

    Wenn Sie etwas an sich ändern könnten, was wäre das?
    Meine Ängste überwinden um mich meinen Träumen zu widmen.

    Was betrachten Sie als Ihren größten Erfolg?
    Unverdienter Weise am Leben zu sein.

    Als wer oder was möchten Sie wiedergeboren werden?
    Gar nicht – jeder sollte nur eine Chance haben und das Beste daraus machen. Aber wenn die Frage schon mal gestellt ist, dann als Hauskatze.

    Was ist Ihr wertvollster Besitz?
    Menschen, die mich mögen – und meine Erinnerungen.

    Was wäre für Sie das größte Unglück?
    Diejenigen Leiden zu sehen, die ich liebe.

    Ihr Motto?
    Das Leben ist schön!

    Ihre Lieblingsbeschäftigung?
    Schlafen – ohne Zweifel.

    Was ist Ihr Hauptcharakterzug?
    Geradlinigkeit.

    Welche Eigenschaften schätzen Sie am meisten bei einem Mann?
    Humor, Offenheit

    Welche Eigenschaften schätzen Sie am meisten bei einer Frau?
    Intelligenz, Schönheit, Erfolg

    Was schätzen Sie bei Ihren Freunden am meisten?
    Unkompliziertheit und Vertrauen

    Ihre Lieblingsschriftsteller?
    Robert Musil

    Wie möchten Sie gern sterben?
    Entweder Ehrenvoll oder in Frieden mit meinen Freunden und mit mir selbst.

    Was können Sie nicht leiden?
    Klare Suppen.

    14
    Nov
    07

    Früher war alles besser?!?

    Kennt ihr die Aussage von älteren Personen, die immer sagen, dass früher alles besser war? Geht auf die Nerven, oder? Robert Musil schreibt dazu so bestechende Worte, dass ich sie einfach zitieren muss.

    Musil spricht über die sich veränderten Modeerscheinungen …
    „Man kann weder gegen Personen noch gegen Ideen oder bestimmte Erscheinungen kämpfen. Es fehlt nicht an Begabung noch an gutem Willen, ja nicht einmal an Charakteren. Es fehlt bloß ebensogut an allem wie an nichts; es ist, als ob sich das Blut oder die Luft verändert hätte, eine geheimnisvolle Krankheit hat den kleinen Ansatz zu Genialem der früheren Zeit verzehrt, aber es funkelt von Neuhiet, und zum Schluss weiß man nicht mehr, ob wirklich die Welt schlechter geworden sei oder man selbst bloß älter. Dann ist endgültig eine neue Zeit gekommen.“ — Rober Musil, Der Mann ohne Eigenschaften

    Auf den Punkt gebracht. Im übrigen gibt es da ja noch die Geschichtsromantiker, die – meist aus schönen Romanen heraus – glauben, dass die Jahrhunderte vor diesem geprägt von zumindest mehr Rücksichtnahme zur Natur oder zu mehr ökologischer Nachhaltigkeit gewesen wäre. Archäologen protestieren gegen diesen Gedanken entschieden. Ausgrabungen zeigen immer wieder auf neue, dass die Menschen schon zu allen Zeiten Tierarten ausgerottet haben und die Landschaft bis zur Verwüstung ausgeraubt haben. Oder warum ist das einst so fruchtbar beschreibenen Mesopotamien  - der „fruchtbare“ Halbmond – heute eine staubige Wüste?

    17
    Sep
    07

    Über Affen und Pyramiden

    KollapsGerade bin ich mit meiner jüngsten Lektüre fertig, dem Buch von Jared Diamond „Der dritte Schimpanse“ in seiner überarbeiteten Auflage von 2006. Kaum habe ich ein Buch gelesen, das so viele verschiedenen interessante Gebiete abdeckt und dennoch eine Linie verfolgt. Aufmerksam bin ich auf den Autor Jared Diamond geworden, als ich letzten Winter im Weihnachsturlaub seinen Bestseller „Kollaps“ gelesen habe.

    „Kollaps“ ist eine sehr umfrangreiche Argumentation, gestützt auf Archäologie und Paläontologie, die beweist, warum vergangene Kuluren, wie die Osterinsulaner (Rapanui) und die Anasazi, untergegangen sind, und was wir vor allem heute daraus lernen können. Wer sich durch die über 400 Seiten durchgekämpft hat, ist zumindest in Richtung Allgemeinbildung einen erheblichen Schritt weiter. Außerdem kann man dannach ganz gut ökologische und soziologische Zusammenhänge erkennen.

    Grundlage des Buches „Der dritte Schimpanse“ ist eigentlich an das Thema von Kollaps angelehnt. Natürlich gibt Mr. Diamond zuerst einen kurzen Überblick über die Entwicklungsgeschichte von Mensch und Kulur, doch schwenkt er spätestens ab der zweiten Hälfte des Buches auf die heutigen Auswirkungen des Menschen auf die Erde. Trotzdem sollte man dieses Buch vielleicht eher lesen wie „Kollaps“, denn Jared Diamond wirft einige sehr interessante Thesen in den Raum, wie z. B.

    • warum Menschen so ein vielschichtiges emotionales Liebesleben haben
    • dass Schimpansen eigentlich Menschenrechte haben sollten
    • dass es in der Vergangenheit nicht besser war als heute (Gegenthese zu Rousseau), dass die Menschen aber heute unentschuldbar für ihr Handeln sind
    • warum wir mit fast absoluter Wahrscheinlichkeit nie Außerirdische treffen könnten
    • dass möglicherweise die Menschen die großen Säugetier auf dem panamerikanischen Koninent ausgerottet haben
    • wie es zu rassischen Unterschieden gekommen ist, und dass jeglicher Rassismus Quatsch ist, weil wir alle näher miteinander verwandt sind, als wir glauben möchten
    • dass durch puren Zufall die westliche Welt vorherrscht
    • wie man herausfinden kann, wer der Ursprung der indogermanischenSprachfamilie ist
    • etc.

    Das sind nur einige wenige Denkanstöße des Buches. Für mich im Nachhinein eine Pflichtlektüre für alle, die den begangenen Pfad der Menscheit bestaunen möchten, und wohin er möglicherweise steuert. Bei allem Lob muss man auch sagen, dass Jared Diamond ein Hang zu Längen hat, ob in „Kollaps“ oder auch in „Der dritte Schimpanse“ – doch er holt halt bei seiner Argumentation immer weit aus.




    Currently Reading




    Die Simpsons und die Philosophie - Hrsg. Erwin, Conrad, Skoble


     

    November 2009
    M D M D F S S
    « Apr    
     1
    2345678
    9101112131415
    16171819202122
    23242526272829
    30  

    a