Archiv der Kategorie 'Litertur'

27
Jul
08

Das totale Objekt

Gottesvergiftung

Moser: Gottesvergiftung

Es war eine erstaunliche Lektüre (Empfehlung), dieses kleine Buch Gottesvergiftung mit gerade 100 Seiten. 100 Seiten, auf denen ich mich wiedergefunden habe, zumindest teilweise. Offen und scharf spricht Tilmann Moser Gefühle und Erfahrungen an, die mich – zugegeben – mehr im Inneren beschäftigen, als ich zugeben würde. Für Außenstehende wird es schwer zu verstehen sein, doch richtet ein enges religiöses Korsett in der Jugend viel Schlimmes an, allem voran die ständig nagenden Schuldgefühle und die nicht gewonnen Akzeptanz der Allgmeinheit.

Muss aber eine Kritik an Religion so scharf sein, wie in dem Buch ‘Gottesvergiftung‘? Die Gegenfrage könnte lauten: warum muss man bei Religion denn immer ein Blatt vor den Mund nehmen? Mit welcher Rechtfertigung genießt das Thema Glaube so einen Tabucharakter? Offen gesagt spiegelt das Buch tiefe Gefühle wieder, die erst den großen Erfolg der Religion ausmacht. Gerade die Passagen, in der Moser die Geborgenheit in der Masse und die Überwältigung durch Gefühlsorgeln anspricht, merkt man doch genau, welche Schlingen die Religion bei Menschen legt. Die Schlinge wieder vom Hals weg zu bekommen, ist sehr schwer. Zwei Absätze des Buches haben meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen, und deshalb möchte ich sie kurz anführen. In Hinblick auf mein nun naturalistisches Weltbild und der Evolution fand ich mich im folgenden Satz bestätigt:

Aber der Gedanke, daß alles [die Religion, der Glaube] Lüge sei, war so schaurig, daß ich ihn lange nicht zu Ende zu denken wagte.
-– Gottesvergiftung, Tilmann Moser, Seite 40 (Suhrkamp, 1980)

Während und nach einen deutlichen Nein passen folgende Worte:

Als ich zu spüren begann, daß ich jahrelang einer Fata Morgana nachgelaufen bin, einem Gerücht, einer Geborgenheintsfiktion, die doch so sehr mit Angst und Drohung vermischt war, versuchte ich lange Zeit krampfhaft, die Augen vor der demütigenden Entdeckung zu verschließen.
— Gottesvergiftung, Tilmann Moser, Seite 80 (Suhrkamp, 1980)

Ich lege dieses Buch jedem ans Herz, der die gleichen Erfahrungen als Kind und Jugendlicher gemacht hat. Auch wenn es ein Tabu ist, kann man froh sein, dass es mutige Autoren gibt, die das Schweigen brechen.




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